Mit Empathie bleibst du handlungsfähig… Geht das, wenn mich jemand angreift?

Stell dir vor, du bist Führungskraft und sitzt im Strategiemeeting. Mehrere andere Führungskräfte am Tisch, ein wichtiges Thema, vielleicht ohnehin etwas Zeitdruck.

Plötzlich sagt jemand ziemlich scharf:

„Das hättest du doch wissen müssen. Darum hättest du dich vorher kümmern sollen.“

Und zack: Innerlich geht die Verteidigung los.

„Das stimmt doch gar nicht.“
„Was soll dieser Ton?“
„Warum greift die oder der mich jetzt so an?“
„Ich kann schließlich nicht an alles denken.“

Völlig verständlich.

Wenn wir uns angegriffen fühlen, beschäftigen wir uns zunächst einmal mit uns selbst. Wir prüfen, ob der Vorwurf stimmt, überlegen eine Rechtfertigung, ärgern uns über den Ton oder suchen nach Argumenten, mit denen wir zurückschießen können. Manchmal tun wir es auch sofort. Und schon sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die beide damit beschäftigt sind, ihre eigene Position zu verteidigen.

Akzeptanz von anderen - Akzeptanz von uns selbst

Was wäre, wenn die erste Frage eine andere wäre?

Nicht: „Was stimmt hier gerade mit mir nicht?“ oder „Wer hat eigentlich recht?“

Sondern zunächst: „Was ist gerade bei meinem Gegenüber los?“

Das bedeutet nicht, dass ich einen unangemessenen Ton gutheißen muss. Und es bedeutet auch nicht, dass ich Kritik ungeprüft hinnehmen soll. Es bedeutet nur, dass ich für einen Moment versuche, neugierig zu werden. Warum reagiert dieser Mensch gerade so heftig? Vielleicht steht die Person selbst unter erheblichem Druck. Vielleicht hat sie Angst, dass ein wichtiges Projekt scheitert. Vielleicht fühlt sie sich mit einer Aufgabe allein gelassen. Vielleicht glaubt sie, Verantwortung für etwas tragen zu müssen, das sie nicht beeinflussen kann. Vielleicht fühlt sie sich nicht gehört. Oder sie ist schlicht überfordert.

Wir wissen es zunächst nicht. Aber allein die Frage verändert schon etwas: Aus dem vermeintlichen Gegner wird wieder ein Mensch, dessen Verhalten einen Grund haben könnte.

Gereiztheit löst weniger Mitgefühl aus als Traurigkeit

Das Spannende daran: Wenn ein Kollege still und niedergeschlagen im Meeting sitzt, vielleicht kaum etwas sagt und bedrückt aussieht, fällt vielen von uns die Frage leicht: „Alles okay bei dir?“ Wir werden aufmerksam. Vielleicht sogar fürsorglich. Wenn dieselbe Person dagegen ungehalten reagiert, anderen ins Wort fällt oder einen Vorwurf in den Raum stellt, sieht es ganz anders aus. Dann denken wir eher:

„Was hat der denn heute?“
„Muss sie ihren Stress jetzt an uns auslassen?“
„So lasse ich nicht mit mir reden.“

Dabei können hinter beiden Verhaltensweisen ganz ähnliche Dinge stecken: Unsicherheit, Überforderung, Druck, Angst oder das Gefühl, nicht genügend Einfluss zu haben. Nur zeigt der eine Mensch seinen Stress durch Rückzug – und der andere durch Angriff. Mit dem Rückzug können wir häufig besser umgehen.

Empathie ist besonders dann wertvoll, wenn sie uns schwerfällt

Empathisch zu sein, wenn jemand freundlich, traurig oder hilfsbedürftig wirkt, ist vergleichsweise einfach. Die eigentliche Herausforderung beginnt dort, wo das Verhalten eines anderen bei mir selbst etwas auslöst. Wenn ich mich angegriffen, abgewertet oder ungerecht behandelt fühle. Dann kostet es deutlich mehr innere Beweglichkeit, nicht sofort auf den Inhalt des Angriffs einzusteigen. Vielleicht könnte eine Reaktion stattdessen lauten:

„Was genau fehlt dir an dieser Stelle?“ Oder: „Was hättest du dir von mir gewünscht?“ Oder sogar: „Ich merke, dass dich das gerade ziemlich beschäftigt. Worum geht es dir genau?“

Solche Fragen sind kein Zaubertrick. Vielleicht antwortet das Gegenüber trotzdem gereizt. Vielleicht müssen wir später auch über den Ton sprechen. Vielleicht gibt es tatsächlich einen sachlichen Konflikt, den wir klären müssen. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir verstehen, worum es eigentlich geht, statt ausschließlich darüber zu streiten, wer was wann hätte tun müssen.

Verstehen heißt nicht einverstanden sein

Das scheint mir an dieser Stelle wichtig. Empathie bedeutet nicht: „Du darfst mich behandeln, wie du möchtest.“ Und auch nicht: „Deine Sichtweise ist richtig und meine falsch.“ Empathie bedeutet zunächst nur:

Ich versuche zu verstehen, wie die Welt aus deiner Perspektive gerade aussieht.

Ich kann verstehen, dass du Angst vor einem Projektproblem hast – und trotzdem sagen, dass ich mir einen anderen Umgangston wünsche. Ich kann nachvollziehen, dass du unter Druck stehst – und gleichzeitig Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört. Ich kann mich für deine Beweggründe interessieren – ohne meine eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Vielleicht ist genau das eine der anspruchsvolleren Aufgaben von Führung: Nicht automatisch auf das sichtbare Verhalten zu reagieren, sondern neugierig darauf zu werden, was dahinterliegt.

Und was passiert eigentlich mit mir?

Natürlich gehört noch eine zweite Seite dazu. Denn Empathie für mein Gegenüber funktioniert nur begrenzt, wenn ich selbst gerade mitten in meiner Verteidigungsreaktion stecke. Deshalb kann eine weitere Frage hilfreich sein:

„Was passiert gerade eigentlich bei mir?“

Was genau hat mich getroffen? Der Ton? Der Vorwurf? Die Sorge, schlecht dazustehen? Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden? Der Impuls, unbedingt beweisen zu wollen, dass ich recht habe?

Allein dieses kurze innere Innehalten kann einen Unterschied machen. Zwischen Reaktion und Antwort entsteht ein kleiner Spielraum. Und in diesem Spielraum kann ich entscheiden: Möchte ich mich verteidigen? Möchte ich zurückschießen? Oder möchte ich erst einmal verstehen?

Vielleicht ist Neugier der bessere erste Schritt

Wir werden Konflikte nicht verhindern können. Menschen werden sich weiterhin missverstehen, unter Druck geraten, unfair formulieren und manchmal Dinge sagen, die sie später bereuen. Führung bedeutet für mich deshalb auch nicht, in solchen Situationen immer souverän und gelassen zu reagieren. Vielleicht reicht etwas anderes: einen Moment länger neugierig zu bleiben. Auf den anderen. Und auf sich selbst. Bevor wir entscheiden, was die Situation bedeutet und wer schuld ist. Deshalb meine Frage an dich:

Kannst du empathisch bleiben, wenn dich jemand angreift?

Was hilft dir dabei, nicht sofort in die Verteidigung zu gehen?

Und gibt es vielleicht Menschen, bei denen dir das leichter gelingt als bei anderen?

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